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Pessestimmen
BÜCHEREI aktuell - Mitteilungsblatt des Sankt Michaelsbundes 1 / 2004, S. 66 (von Thomas Steinherr)
Ich weiß wo ich bin
Blind geborene Kinder zeichnen, wie sie die Welt erleben
Auch wer nur gelegentlich mit behinderten Menschen zu tun hat, wird bereits die Erfahrung gemacht haben, dass man dabei immer mit Überraschungen rechnen muss - viel zu fest gefügt sind in der Regel unsere Vor¬stellungen von dem, was Behinderte tun können und was nicht. Ein erstaunliches Beispiel für eine solche Überraschung ist der von Elke Zollitsch herausgegebene Bildband „Ich weiß wo ich bin". Wer weiß schon oder hätte vermutet, dass auch blinde (präziser gesagt: blind geborene) Kinder zeichnen? Zu sehr scheint uns das Zeichnen an den Gesichtssinn gebunden, als dass wir diese, zumal auf zwei Dimensionen beschränkte künstlerische Tätigkeit blinden Menschen zutrauen würden. Der eindrucksvolle Bildband belehrt uns eines Besseren.
Die Herausgeberin, die von 1986 bis 1989 einen Schulversuch zur Integration blinder Kinder in der Regelschule durchführte, hat für den großformatigen Band über 70 Zeichnungen von neun blind geborenen Kindern zusammengestellt, die den Betrachter bereits auf den ersten Blick in Erstaunen setzen: Die mit einem harten Stift auf eine spezielle, die Stifteindrücke reliefartig wiedergebende Folie gezeichneten Bilderwirken „normalen" Kinderzeichnungen verblüffend ähnlich. Wer sich dann ein wenig näher mit den Bildern beschäftigt, sich einsieht in die Besonderheiten dieser Zeichnungen - am besten gelingt dies wohl mit Hilfe der im Anhang von Elke Zollitsch gegebenen Erklärungen zu einem Großteil der Bilder -, der wird eine neue, oftmals ungewohnte Schule des Sehens erleben, wird entdecken, dass Blinde offensichtlich nicht nur mithilfe anderer Sinne sichtbare Eigenschaften der Welt wie räumliche Ausdehnung, Gestalt, Dynamik, Größenverhältnisse u.v.m. ebenso intensiv erleben können wie Sehende mit den Augen, sondern darüber hinaus auch in der Lage sind, diese Eindrücke auf wiederum erblickbare Weise wiederzugeben. Eine staunenswerte Tatsache, wenn man ein wenig darüber nachdenkt. Den einzelnen Bildern, die beinahe in Originalgröße auf vertraut scheinenden sichtbaren Welt. Besser sehen lernen von blind geborenen Kindern - nach der Betrachtung dieses Buches sieht man darin keinen Widerspruch mehr.

Fürstenfeldbrucker Tagblatt / Münchner Merkur am
24.11.2003
Die Welt mit allen Sinnen erfahren und begreiffen
Blinde Kinder zeichnen
Olching (tb) - Ein Glockenschlag ertönt und erinnert an die Situation vor über zehn Jahren, als acht blinde Kinder unter der großen Kirchturmglocke von St. Peter und Paul in Olching saßen und den 12 Schlägen des Mesners auf die Glocke lauschten. "Ich weiß wo ich bin". Mit dieser Erinnerung begrüßte Elke Zollitsch im Olchinger Pfarrsaal über 100 gespannt wartende Gäste zur Präsentation ihres Buches.
Auf das Stichwort "Unsichtbares wird sichtbar" tauchte eine Glastafel mit über 20 Originalzeichnungen blinder Kinder aus dem Dunkel auf und wurde mystisch bis strahlend beleuchtet. Die auf durchsichtige Folie gezeichneten Bilder wurden lebendig. Dazu spielte der Musiker Robert Zollitsch einfühlsame wunderbare Klänge auf der Zither.
"Den Ursprung nahm das kreative Arbeiten mit Blinden im Kreis Eltern behinderter Kinder in Olching beim Ostereierbatiken", erzählte Elke Zollitsch. Es schlossen sich intensive und erlebnisreiche Jahre der Arbeit mit blinden Kindern an, die schließlich in einem Schulversuch mündeten, bei dem erstmalig in Bayern blinde Kinder in die Regelgrundschule integriert wurden. "Es waren die arbeitsintensivsten aber auch schönsten Jahre meiner Laufbahn als Lehrerin, in denen ich sehende und blinde Kinder gemeinsam unterrichten durfte" erinnerte sich Elke Zollitsch.
Das lebendige Miteinander in der Integrationsklasse wird für die Besucher in einer bunt gemischten und herzerfrischenden Folge von Dias spürbar gemacht.
Anhand von zahlreichen Beispielen erklärte die Autorin, wie blinde Kinder zeichnen können und die Besonderheiten von Zeichnungen blindgeborener Kinder. "Blinde Kinder sehen nie fern, nur nah! Sie müssen alles mit den Händen begreifen, mit dem ganzen Körper und allen Sinnen erfahren". Bewegungen würden zwar nicht gesehen, aber umso stärker erlebt und in Zeichenspuren umgesetzt.
Der Grafiker des Buches, Pavel Broz, konnte wegen Krankheit nicht anwesend sein. Er fing die zärtliche Transparenz dieser Folienbilder ein und erarbeitete gemeinsam mit der Autorin ein großartiges Buchkonzept.
Zu den letzten gezeigten Bildern trugen die Enkelkinder von Elke Zollitsch die jeweils dazu gehörenden Verse vor. Im Anschluss sprach die blinde Psychologin und Freundin der Autorin, Sabine Friedrich, sehr persönliche Worte aus und dankte im Namen der Blinden für das Buch.

Fürstenfeldbrucker Tagblatt / Münchner Merkur am 19.11.2003
Poetische Bilder blinder Kinder
Elke Zollitsch stellt Buchprojekt vor
Olching (tb) - Elke Zollitsch präsentiert ihr in dreijähriger Arbeit entstandenes Buchprojekt "Ich weiß wo ich bin". Die Autorin nennt ihr Werk, ein Kunstbuch von Blinden für Sehende, "einen lebendigen Ausflug in die Erforschung der Wahrnehmung". Im Einklang mit den über 70 thematisch geordneten Zeichnungen geburtsblinder Kinder stehen poetische Dreizeiler als persönliche Antwort der Autorin auf die kindlichen Bilderbotschaften.
Es ist wie ein Wunder: Alle Kinder unserer Erde sprechen die gleiche Bildersprache. Wie sollte ein Kind, das noch nie in seinem Leben mit den Augen gesehen hat, Bilder in sich haben, geschweige denn zeichnen können oder wollen? Wie steht es um die Bildersprache und das Symbolverständnis bei blinden Kindern? Die Auswahlmöglichkeit an Stiften, Pinseln, Farben und Papiersorten ist für blinde Zeichner sehr begrenzt. Erst die Entdeckung einer Spezialfolie brachte den Kindern eine Erleichterung bei der Herstellung taktiler Bilder. Diese dünne Plastikfolie wird auf eine Gummiunterlage gelegt und hat dadurch die wunderbare Eigenschaft, das gezeichnete Bild nicht nur sichtbar, sondern auch tastbar zu machen.
In allen Zeichnungen dieses Buches begegnen uns Kinder, die das Licht der Welt seit ihrer Geburt nicht mit den Augen erblickt haben und doch im Licht und Schatten dieser, unserer Welt leben. Zeichnend erzählt das blinde Kind von Lichtblicken seines Daseins.
Die Bilder des nun vorliegenden Buches, die so präsent und unbeirrt aus dem ganz persönlichen Wesen der blinden Kinder kommen, verlangen nach einem persönlichen Gegenüber, das Antwort gibt auf ihr Lebendigsein. Die poetischen Dreizeiler in Anlehnung an die japanischen Haiku entstanden im Erleben und im Erfühlen der Bilder.
Drei Jahre lang war die Autorin, Elke Zollitsch Lehrerin einer Integrationsklasse mit zweiundzwanzig sehenden und zwei blinden Schülern. Nun kommt Bewegung in den abgesunkenen Bilderschatz aus der Zeit des Schulversuchs. Die Bildersammlung aus dieser Zeit soll nicht im Verborgenen bleiben. In einer Ausstellung im November 1996 kamen die Zeichnungen der blinden Kinder für kurze Zeit aus dem Dunkel ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, jetzt liegen sie in gedruckter Form vor.
Passauer Neue Presse (Feuilleton) am 12.01.2004
Julia Nolte
Bilder gegen die Dunkelheit
Seit ihrer Geburt ist die 13-jährigeTatjana Lommer aus Reisbach blind, doch wenn sie zeichnet, sieht sie die spannendsten Dinge - mit den Fingerspitzen
Energisch drückt sich der Kugelschreiber in die Kunststofffolie: ein runder Bauch, zwei Striche als Beine, zwei Füße, links und rechts ein Arm, einer ist nach unten abgeknickt. Dann der Kopf als runde Kugel, die ein Stück über dem Körper schwebt. Und der Mund. "Wie geht denn ein schreiender Mund?", fragt die dreizehn Jahre alte Zeichnerin, stößt einen schrillen Schrei aus und betastet dabei ihren Mund. Dann zeichnet sie einen verzerrten Kreis in den Kopf.
Das Mädchen mit den langen blonden Haaren arbeitet zügig und erzählt dabei ununterbrochen aus seiner Bilderwelt: "Da ist die Bühne. Hier eine Stufe und eine Riesen-Tatjana mitten auf der Bühne. Und ich lache voll laut. Hier das Mikrofon auf dem Ständer. Da steht das Diskolicht, strahlt wie ein Stern." Mit den Fingern der linken Hand folgt das Mädchen der plastischen Spur, die der Stift hinterlässt und ertastet sich seine Zeichnung. Denn Tatjana ist blind.
Im Kindergarten hat das Mädchen aus Reisbach zum ersten Mal gezeichnet, vielleicht auch bei der Frühförderung. "Damals konnte ich noch nicht so gut einen Kreis malen", erinnert sie sich. "Ich fühlte mich noch nicht so sicher beim Fühlen und habe mich nicht getraut." Aber die Mama habe ihr gesagt, Übung macht den Meister, und "dann konnte ich es plötzlich".
Später hat Tatjana nicht mehr nur Kreise gezeichnet. "Mit acht Jahren hatte das Zeichnen eine besondere Bedeutung für mich. Ich habe mich in eine Fantasiewelt gezeichnet", sagt sie mit gesenktem Kopf, so wie sie meistens dasitzt. Tatjana als Sängerin auf der Bühne, tosender Applaus; Tatjana, die mit ihrer "sprechenden Zeile" (einem technischen Gerät, das Blinden die Arbeit am Computer erleichtert) durch das Haus tanzt; Tatjana als DJ, die Füße riesige Lautsprecherboxen, der Bauch eine Computerfestplatte, Ohrstöpsel als Arme und zwei Antennen auf dem Kopf; Tatjana inmitten von Dingen, die nur sie sieht. Auch wenn sie heute nur noch selten die spezielle Zeichentafel mit der Gummiunterlage zur Hand nimmt "Ich bin immer noch gern in meiner Fantasiewelt, und wenn ich jemanden zeichne, der voll krass schreit, dann tut mir das gut."
"Für viele ist es unvorstellbar, dass Blinde Bilder vor Augen haben und die auch noch zeichnen", sagt Elke Zollitsch aus Tettenweis. "Sie denken, dass blinde Menschen nur im Dunkeln leben und zu bemitleiden sind." Die Kunstpädagogin und ehemalige Lehrerin an der Grundschule in Olching war 1986 die erste in Bayern, die blinde und sehende Kinder gemeinsam unterrichtete. Dabei stellte sie fest, dass die blinden Kinder von ihren Mitschülern ungemein angeregt wurden. "Ihnen gefiel es sehr, wenn die sehenden Kinder ihre Bilder beschrieben."
Von Anfang an ließ Zollitsch die Kinder im Unterricht zeichnen. "Ich habe nie einen Kurs gegeben, die Kinder haben aus sich heraus gezeichnet", sagt sie. Ihrer Meinung nach gibt es keine authentischeren, ausdrucksstärkeren Bilder, denn: "Blinde zeichnen das, was ihr Körper wahrnimmt, sie schlüpfen in die Dinge hinein. Sie sind nicht beeinflusst von Bildern aus dem Fernsehen, aus der Werbung oder von Gemälden. Man könnte auch sagen, blinde Kinder sehen niemals fern, sondern immer nah."
Wasser zum Beispiel zeichnen sie nicht, wie andere Kinder, als Wellenlinie, sondern in zahllosen kleinen Strichen, mit denen sie die Bewegung des Wassers nachempfinden. Zeichnen wird gewissermaßen zur "Ganzkörpererfahrung", sagt Zollitsch. Oder wenn ein blindes Kind eine Katze zeichnen möchte, wird es - wenn es mutig ist - die Katze zunächst betasten und dann mit dem Stift ausdrücken, wie es das Tier erlebt hat: kuschelig, scheu oder auch gefährlich.
Nicht bei jedem Zeichenobjekt funktioniert die Tastmethode, und so passiert es, dass ein Kind sich einmal ein falsches Bild von etwas macht. "Julia hat zum Beispiel mal das Euter einer Kuh auf den Rücken gezeichnet", erinnert sich die Pädagogin an das Bild einer Schülerin, die ihr besonders lieb war. "Dann habe ich ihr gesagt, dass es für den Bauern doch furchtbar schwierig wäre, die Kuh so zu melken. Wir haben. gelacht, und sie hat die Zeichnung geändert. So etwas ist auch wichtig für die Begriffsbildung."
Tatjana hat ihre eigene Art gefunden, Bilder entstehen zu lassen. "Ich denke sie mir im Kopf aus. Ich stelle mir vor, hier sitzt jemand auf dem Klo, oder hier sitzt ein DJ, der scratcht", sagt sie mit ihrer kräftigen Stimme. Und leiser, fast etwas kleinlaut, fügt sie hinzu: "Aber ich weiß nicht genau, wie es aussieht, und es muss auch nicht sein, dass sich das jeder so vorstellt." Im Moment des Zeichnens fühle sie das Bild genau, "aber ich weiß nicht, ob ich es dann später noch erfühlen kann".
Vielen geht es wie Tatjana, selbst wenn sie die gewölbten Linien nicht nur ertasten, sondern auch sehen können: Sie erkennen nicht, was gemeint ist. Tatjanas Mutter Rosi Lommer merkt dies zum Beispiel, wenn Besuch kommt und Zeichnungen von Tatjana und ihrer 4 Jahre alten Schwester Giuliana, die nicht blind ist, auf dem Tisch liegen. "Das Bild meiner jüngeren Tochter erkennen sie sofort. ,Das ist ein Haus, das ein Schneemann, schee", sagen sie. Und zu Tatjanas Bild sagen sie, "das ist Kritzikratzi". Wie viele Jahre ging es mir so?, sagt die 31 Jahre alte "Familienmanagerin" und Büroangestellte, die in Rage gerät, wenn sie ihre Tochter ungerecht behandelt glaubt. "Manchmal habe ich den Eindruck, dass es den anderen egal ist, solange sie nicht betroffen sind. Nach dem Motto: ,Ich selber habe ja ein sehendes Kind'."
Rosi Lommer gibt zu, dass auch ihr der Zugang zu Tatjanas Bildern schwer fällt. "Ich schaffe bis heute noch nicht, dass ich das als etwas Besonderes ansehe." Manchmal befällt sie sogar ein Anflug von Peinlichkeit, etwa wenn Tatjanas Schule, die Edith-Stein-Schule für Blinde und Sehbehinderte in Unterschleißheim, ihre Engel-Zeichnung auf einer Weihnachtskarte verschickt. "Mein Gedanke ist dann, die, die das bekommen, haben ja keine Ahnung. Die sehen nur das Gekritzel."
Elke Zollitsch passiert das nicht. Sie ist so ergriffen von den Zeichnungen, dass sie seit 17 Jahren jedes Blatt sammelt, das blinde Kinder ihr schenken. Die eindringlichsten hat sie zu einem Bildband zusammengestellt, der im Dezember 2003 unter dem Titel "ICH WEISS WO ICH BIN" erschienen ist. "Viele Leute haben keine Wertschätzung für das, was blinde Kinder zeichnen, weil sie nach Erkennen gehen und nicht nach Ausdruck", sagt sie. Dabei sei es doch wunderbar, wenn sich ein blindes Kind in Bildern ausdrücken könne, egal ob man das Gemalte hinterher erkenne oder nicht.
Während sich ihre Mutter und Elke Zollitsch darüber unterhalten, warum Blinde ihre Bilder hochhalten und damit wedeln, wenn sie fertig sind, umfasst Tatjana den Kugelschreiber mit ihrer zarten, blassen Hand und zeichnet Blatt um Blatt: Tatjana, die rappt; Tatjana als Diskjockey; Tatjana, wie sie eine gemeine Mitschülerin in die Schranken weist, und ihren Freund, der daneben steht und "Genau!" ruft.
Nein, gestört hat es sie noch nie, dass andere Kinder ihre Bilder sehen können, aber sie deren Bilder nicht. Auch dass die anderen beim Malen keine Schreie von sich geben, macht ihr nichts aus. "Es ist halt nicht so typisch Tatjana, was die anderen machen." Wenn sie allerdings genauer darüber nachdenkt, gibt es Momente. in denen sie die Blindheit verflucht. "Verdammte Blindheit", sagt sie dann. Wenn Schnee fällt und sie die Flocken nur fühlt, wenn ihre kleine Schwester Hilfe beim Basteln braucht, oder wenn sie ein Bild in ihrer Lieblingsfarbe Gelb malt, von der ihr gesagt wurde, dass es eine helle Farbe sei.
Noch ein paar Fotos für die Zeitung, dann hat sie wieder ihre Ruhe. "Tatjana, siehst du den Blitz?", fragt die Mutter hoffnungsvoll und Tatjana nickt. "Kann ich jetzt bitte weitermalen?"
Blind ist man, wenn man auf dem besseren Auge nicht mehr als zwei Prozent Sehleistung hat, so steht es in den amtlichen Richtlinien. In Bayern sind dies nach Auskunft von Elke Schaafhausen vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund momentan ca. 17 000 Menschen. Davon sind nur etwa 730 jünger als 18 Jahre.
"Es ist ganz selten, dass jemand blind geboren wird," sagt Schaafhausen. Die meisten kämen mit einer starken Sehbehinderung zur Welt, die allmählich zur Erblindung führe. Als weitere Ursachen nennt Walter Bichlmeier Leiter der Bezirksgruppe Niederbayern, Unfälle und Erkrankungen im Alter. Auf diese Weise erblinden in Bayern jährlich etwa 3000 Menschen.
Bichlmeier zufolge lässt sich die Zahl der blindgeborenen Jugendlichen in Niederbayern an zwei Händen abzählen. Wenn sie in der Nähe ihrer Heimat zur Schule gehen wollen, haben sie die Wahl zwischen speziellen Bildungseinrichtungen in Regensburg, Würzburg, Nürnberg und Unterschleißheim. Daneben gibt es aber auch Kinder, die "integrativ beschult werden", also gemeinsam mit sehenden Kindern auf die Regelschule gehen.
Obwohl fast alle Schulen ihre blinden Schüler im Kunstunterricht auch zeichnen lassen, gilt diese Ausdrucksform immer noch als "eher ungewöhnlich", wie Schaafhausen sagt. Stattdessen lässt man sie schnitzen oder mit Ton arbeiten, weil ihnen räumliche Tätigkeiten oft leichter fallen.
Zeichenkurse für Blinde bietet weder der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund in München noch die Bezirksgruppe Niederbayern an. Bichlmeier: "Es ist grundsätzlich wichtiger, dass die Kinder das Leben meistern können, dass sie die Punktschrift erlernen und sich im Alltag zurecht finden." Wenn allerdings der Wunsch bestehe zu zeichnen, werde die Rehafachkraft der Bezirksgruppe zu den Kindern geschickt.
Wer sich einmal im "taktilen Zeichnen" versuchen möchte: Ilvesheimer Zeichentafeln, Silikonunterlagen, transparente Folie und anderes Zeichenzubehör gibt es beispielsweise beim Verein zur Förderung der Blindenbildung, Bleekstraße 26, 30559 Hannover Tel. 0511/954650, Fax 0511/9546537, www.vzfb.de.
Passauer Bistumsblatt vom 14.12.2003
Dr. Hans Würdinger, Chefredakteur
Ein faszinierendes Buch von Elke Zollitsch
Blind geborene Kinder zeichnen ihre Welt
Tettenweis - "Blinde Kinder können doch keine Bilder zeichnen" - so ist allgemein das Verständnis. Blinden werden "Kulturtechniken" wie Lesen und Schreiben beigebracht. Elke Zollitsch, erfahrene Grundschul- und Kunstpädagogin sieht das anders. Sie hat viel mit blinden Kindern gearbeitet, vorwiegend an einer Grundschule in Olching, sie hat die Kinder auch in den "normalen" Unterricht einbezogen. Und sie hat vor allem durch eine eigene Technik den Kindern die Möglichkeit gegeben, ihre Bilder zu zeichnen und zu ertasten. So entstanden ausdrucksstarke kleine Kunstwerke, die jeden staunen lassen, der sich von diesen Bildern ansprechen lässt.
Die Kinder zeichnen "ihre Welt", so wie sie sie erleben und erspüren, Bilder von Geschichten, die sie gehört haben, von Festen und vom Schulalltag.
Elke Zollitsch hat die Bilder zu einem großformatigen Buch zusammengetragen und mit Gedanken angereichert, bei denen ihr Ludwig Kühner und Ingo Cesaro zur Seite standen. Es ist mehr als ein "Bilderbuch". Dahinter stehen die staunenswerten, anrührenden Erfahrungen der blind geborenen Kinder und eine große Liebe zu diesen Kindern. Das Buch will den Blick auf die Welt durch die Augen blinder Kinder erweitern.
Süddeutsche Zeitung am 14.11.2003
Günter Keil
Die bunte Welt der blinden Kinder
Tettenweis - Die Schneeflocken führen auf die richtige Spur. "Schauen Sie ganz genau hin", sagt Elke Zollitsch und deutet auf eine Kinderzeichnung von einem Mädchen, das mit ihrem Schlitten einen Berghang hinuntersaust. Schneeflocken wirbeln um ihren Kopf. Dieses Detail erregt die Aufmerksamkeit der Grundschulpädagogin aus Tettenweis: "Die Flocken kommen nicht vom Himmel. Die blinde Zeichnerin hat sie ums Gesicht herum platziert, weil sie den Schnee vor allem dort spürt." Seit knapp 20 Jahren zeichnet die 63-Jährige mit blind geborenen Kindern und analysiert deren Werke, die jenen der Sehenden verblüffend ähneln. Von der Erlebniswelt der Blinden berichtet sie nun in einem Bildband.
Etwa 17 200 blinde Menschen leben in Bayern, darunter 900 Kinder und Jugendliche. Dass auch blind Geborene realitätsnahe Bilder zeichnen können, überrascht Laien. Wer nie etwas gesehen hat, so die vorherrschende Meinung, lebe in einem diffusen Dunkel ohne Verbindung zur visuellen Welt. "Doch Blinde lehren uns das Gegenteil", sagt Zollitsch. Sie zeichneten bisweilen gar schöner als Sehende, "weil sie Bewegungen stärker spüren und Wahrnehmungen direkter umsetzen". Voraussetzung ist der Einsatz einer Spezialfolie. Fährt man mit einem harten Stift über die Folie, wölbt sie sich an den berührten Stellen. Striche, Linien und Punkte sind sofort ertastbar - Fachleute sprechen vom taktilen Zeichnen.
Doch warum unterscheiden sich die Bilder der Blinden nur geringfügig von üblichen Kinderzeichnungen? "Jeder Mensch lernt von Geburt an über seine Sinne. Ohne Sehkraft werden andere Sinne stärker aktiviert und erzeugen ebenfalls eine Bilderwelt", sagt Zollitsch. Nur der Himmel fehlt auf nahezu allen Zeichnungen. Blinde spüren ihn nicht. Auf Initiative von Elke Zollitsch genehmigte das Bayerische Kultusministerium 1986 einen Schulversuch. Das Ziel: die Integration von Blinden. Erstmals besuchten daraufhin zwei blinde, siebenjährige Mädchen eine Regelklasse mit 22 sehenden Kindern. "Diese drei Jahre waren meine schönsten Schuljahre", sagt Zollitsch. Von ihrer Kompetenz profitieren viele Fachleute: Zollitsch hält Vorträge auf Blindenpädagogik-Kongressen und in Universitäten. "Ich will Begeisterung wecken" sagt sie.

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