| April 2004 |
Verena Nitschke, Lehrerin für initiatorische Naturarbeit und Visionssuche |
| April 2004 |
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| März 2004 |
Dr. Andreas Strobl, Staatliche Graphische Sammling München |
| März 2004 |
Dr. Dagmar Scherf, Journalistin und Schriftstellerin |
| Februar 2004 |
Heiner Hoffmann, Professor am Lehrstuhl für Bildnerische Gestaltung, TH Aachen |
| Januar 2004 |
Toni Meilhamer, freischaffende Künstlerin
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| Januar 2004 |
Dr. Wolfgang Drave, Zeitschrift "Blind und Sehbehindert" |
| Dezember 2003 |
Oswald Miedl, Professor für Kunsterziehung, Universität Passau |
| Mai 2003 |
Dr. Emmy Csocán, Professorin am Lehrstuhl für Pädagogik bei Blindheit und Sehbehinderung, Universität Dortmund |
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Verena Nitschke
Lehrerin für initiatorische Naturarbeit und Visionssuche
Buchbesprechung, April 2004
Darum geht es in unserer chaotischen Welt: solch ein mitfühlendes Begreifen einer für uns fremden Welt! Dieses Buch zeigt uns ein tiefes schlichtes Engagement einer erwachsenen Frau gegenüber Kindern. Haiku-Gedichte in eben dieser Dichte zu schreiben, so passgenau zu den Bildern der Kinder, das geht nicht mit links. Da braucht es das Fühlen und Schauen und Lassen das Zulassen, ohne sich einzumischen in solch einen von Gott inspirierten kreativen Ausdruck der kindlichen Seele. Wunderbar ist das und ich werde selbst ganz still dabei und glücklich.
Georg Braun
„Öffentliche Bibliotheken in Bayern“, 4 / 2004, S.38
Ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches „Bilder"-Buch in einem ungewöhnlichen Format (30 x 30 cm) hat die Grundschul- und Kunstpädagogin Elke Zollitsch herausgebracht. Sie hat selbst Vorjahren einen Schulversuch mit blinden Kindern in der Regelklasse erfolgreich durchgeführt und sich um die Integration von jungen Blinden verdient gemacht. Mit dem vorliegenden Buch ist ihr ein besonderer Wurf gelungen, indem sie Zeichnungen von blinden Kindern (das allein ist schon ungewöhnlich!) mit eigenen an Haikus erinnernden Versen und Informationen über die jungen Künstler und das Entstehen ihrer Arbeiten verknüpft. Besonders interessant ist die da¬bei angewandte Zeichentechnik: Mit einem harten Stift, der auf einer speziellen Folie tastbare Spuren hinterlässt, zeichnet das blinde Kind inmitten der sehenden Kinder. In seinen spontanen Zeichnungen führt es uns sehende Menschen in seine von allen Sinnen erfasste, begriffene und erahnte Welt. Die poetischen Dreizeiler der Autorin sind ihre persönliche Antwort auf die kindlichen Bildbotschaften. Im erklärenden Textteil wird der Leser mit einbezogen in die Kreativität und Freude beim Entstehen der Zeichnungen. Das Buch ist der im Alter von 20 Jahren verstorbenen blinden Julia gewidmet. Dieser ehemaligen Schülerin der Autorin gilt auch das gefühlvolle Vorwort, das in Form eines fiktiven Briefes an gemeinsame Erlebnisse erinnert. „Das Buch ist ein Plädoyer für Phantasie und Toleranz und es zeigt, dass wir Augenmenschen in mancher Hinsicht von den blinden Kindern sogar das Sehen lernen können", so urteilt Prof. Heiner Hoffmann vom Lehrstuhl für Bildnerische Gestaltung der TH Aachen über das Werk. Ein einmaliges Kunstbuch von Blinden für Sehende, das nicht nur als bibliophiles „Schmankerl", sondern vor allem als emotional berührendes und dennoch informierendes Gesamtkunstwerk einen besonderen Platz in jeder Bibliothek einnehmen kann.

Dr. Andreas Strobl
Staatliche Graphische Sammling München
Die bildende Kunst ist für die Augen geschaffen. Könnte man meinen. Blinde sind hingegen auf ihren Tastsinn angewiesen. Skulpturen können sie zum Beispiel tastend erfahren. Alles Zweidimensionale wie Gemälde oder Zeichnungen kann ihnen nur mit Hilfe von Worten nahe gebracht werden. Wie macht sich ein Mensch, der von Geburt an blind ist, ein Bild von der Welt? Er erlebt sie dreidimensional. Er könnte Dinge als Skulpturen nachformen. Aber kann er sie zeichnen, ins zweidimensionale übersetzen? Elke Zollitsch hat blinden Kindern mit speziellen Folien, die Welt der Zeichnung erschlossen. Erstaunlicherweise zeichnen diese Kinder nicht nur die Dinge, die sie ertasten können. Sie erfinden Bilder zu Geschichten. Sie machen sich Bilder von für sie abstrakten Begriffen: eine Glühbirne, Wintersport, Tennisspiel, das Meer. Auf den ersten Blick können die Zeichnungen der blinden Kinder ebenso anrühren, wie alle Kinderzeichnungen. Blinde Kinder wecken das Mitleid der Sehenden, konnten sie doch nie einen Blick auf die uns vertraute Welt werfen. Aber sie haben eine Vorstellung von den Dingen, die sie umgeben und das Mitleid ist daher fehl am Platz. Elke Zollitsch erläutert die Umstände der Entstehung der Zeichnungen, die Aufgaben, die gestellt wurden und wie sich die Kinder ihnen gestellt haben. Die Vorstellung aber, dass diese Bilder reine Kopfgeburten sind, gibt den Zeichnungen der blinden Kinder über den Zusammenhang ihrer Entstehung eine besondere Magie für die, denen das Sehen etwas Selbstverständliches ist.
So können wir lernen, die Welt durch die Augen der blinden Kinder neu zu sehen.
Dr. Dagmar Scherf
Journalistin und Schriftstellerin
Das Buch ist etwas äußerst Ungewöhnliches und Einmaliges. Es hat mich in vielerlei Hinsicht sehr beeindruckt. Als erstes sind da die verblüffenden Zeichnungen der blinden Kinder zu nennen, aber auch die wunderbar stimmigen Dreizeiler von Elke Zollitsch, die mit den Bildern in einen liebevoll-sensiblen Dialog treten. Wichtig zum tieferen Verständnis waren mir aber auch die Interpretationen der Zeichnungen und der Kommentar der Autorin im Anhang. Vollends unter die Haut ging Elke Zollitsch's Widmung des Buches an die tote Julia.
Heiner Hoffmann,
Professor am Lehrstuhl für Bildnerische Gestaltung, TH Aachen
Es ist ein Buch für uns "Augenmenschen" und erzählt in gezeichneten Bildern von einer Welt, die ertastet, erfühlt, gehört aber nie mit den Augen gesehen wurde. Geburtsblinde Kinder beschreiben in Zeichnungen, Geschichten, Schulerlebnissen, Ängste und Freuden, die im ersten Teil des Buches von Elke Zollitsch bildbegleitend mit kurzen Versen poetisch "illustriert" werden. Die Blätter sind fein reproduziert und ich bin überrascht über die Faszination, die schon beim ersten Durchblättern entsteht. Ich meine, persönliche Handschriften zu entdecken, sehe Parallelen zu Zeichnungen sehender Kinder, aber auch viel Neues: Die Formate werden anders genutzt, die Kompositionen wirken großzügig und mutig, die Sprünge im Maßstab scheinen eigenen Regeln zu folgen, kurz: das genaue Hinsehen lohnt sich.
Im zweiten Teil des Buches erschließen sich die Zeichnungen noch mal ganz neu: Elke Zollitsch erzählt die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Bildes, sie interpretiert Nuancen der Darstellung und des Bildaufbaus, sie schildert die Kinder, zitiert sie, und ich spüre, dass sie als die Lehrerin all die Erlebnisse, Ängste und Freuden mit den blinden Kindern geteilt hat und ganz unmerklich nimmt man so an einem spannenden Schulversuch teil, bei dem die blinden Kinder in die Klassen der Regelschule integriert sind.
Ist es also ein verstecktes pädagogisches Lehrbuch? Nein: denn die Autorin hebt an keiner Stelle den Zeigefinger, verteilt keine Rezepte und zieht kein "objektives" Resümee und doch kann jeder, der sich für Pädagogik interessiert, sehr viel lernen. Das Buch ist ein Plädoyer für Phantasie und Toleranz und es zeigt, dass wir "Augenmenschen" in mancher Hinsicht von den blinden Kindern sogar das Sehen lernen können.
Toni Meilhamer
freischaffende Künstlerin - danebenAutorin diverser Anleitungen zum Zeichnen, Kunstpädagogin für das Lehramt an Gymnasien, staatl. gepr. Erzieherin, zeitweise Dozentin an der FHS/Sozialwesen München, und an der FAK für Erzieher in München Harlaching
Buchbesprechung Januar 2004
Jedes Kind ist ein Künstler - auch wenn es blind geboren ist...
Ich erinnere mich noch gut an den Nachmittag, an dem ich der Einladung von Elke Zollitsch gefolgt war, die Zeichnungen von blinden, d. h. blind geborenen Kindern zu besichtigen. Es war ihr wichtig, mich als bildende Künstlerin und Zeichnerin - sowie auch als Kunstpädagogin anzusprechen - also als jemand, der sich von Berufs wegen mit Wahrnehmung - und Wiedergabe befasst, und zwar über den Augensinn. Aus der realistischen Darstellung kommend, konnte ich mir nicht vorstellen, wie Blindgeborene zeichnen sollten. Erst recht nicht glaubte ich, dass eben diese blindgeborenen Kinder fähig sein sollten, die sie umgebende Realität wiederzugeben. Bestenfalls hatte ich erwartet, ungerichtete Kritzelspuren vorzufinden, rein motorisch gelegte Spuren vielleicht.
Als ich schließlich vor den auf Stellwände gespannten und in Themenkreisen zusammengefassten Folienzeichnungen* stand, war ich für's erste einfach nur "platt". Die Zeichnungen sind von beeindruckender Realitätsnähe - und was das Überraschendste ist - sie sind den Zeichnungen sehender Kinder im selben Grundschulalter weitgehend vergleichbar!
Nun könnte man annehmen, Blindgeborene hätten so etwas wie eine "fertige" innere Welt, die sie praktisch "auswendig" wiedergeben - so als würden sie evolutionär gelernte Dinge heraufholen. Doch wenn man sich Elke Zollitsch's Begleittext zu ihrem nun herausgegebenen Bildband über diese Zeichnungen und ihre einfühlsamen Entstehungsberichte durchliest, wird schnell klar: diese Bilder entstehen ausschließlich in der Gegenwart und sie bilden ab, was die Kinder in der betreffenden Situation fühlen und erleben. Der einzige Unterschied ist, dass Blinde die Realität von innen sehen - im Gegensatz zu den sogenannten "Sehenden" ¬ welche Elke Zollitsch so treffend mit den "Augenmenschen" beschreibt.
Selbst lebenslang mit dem Zeichnen befasst, ist mir klar, dass das Zeichnen eine sehr direkte Möglichkeit ist, sich die Welt zu erschließen, sie also von ihrem Aufbau her und von den Beziehungen zwischen den Dingen ausgehend, in verstehender Weise zu erobern. Genau hinzusehen heißt, die Dinge zu erkennen, - sie zu zeichnen heißt, sie zu ordnen. Was ich aber ordnen kann, unterliegt meinem ganz persönlichen Wirkungsradius, den ich durch das Zeichnen erweitern kann. Blindgeborene Kinder sind bestens in der Lage, ihre Umgebung buchstäblich zu "begreifen" und damit logisch zu durchdringen. Offensichtlich sind sie darüber hinaus auch fähig, die Dinge aus der sichtbaren Welt durch gezeichnete Linien (und sogar durch strukturierte Flächen) miteinander zu verbinden. Die Zeichenfähigkeit zu schulen ist also für Blindgeborene ebenso wie für Sehende eine konkrete Hilfe zur Welterschließung, denn sie ist unabhängig davon, ob wir die Bildzusammenhänge nun sehen oder tasten können.
Sich auszudrücken im Bild bedeutet grundsätzlich, dass andere Menschen erreicht werden können auf einer nicht verbalen Ebene. Und die erschließt sich schneller durch Bilder als durch Worte. Sehende mögen das Ergebnis schneller "lesen" können als Blinde - ob sie es auch schneller zeichnen können, ist fraglich. Auch sehende Kinder sind beim Zeichnen oder Malen hoch konzentriert - Blinde müssen sich darüber hinaus den Gesamtzusammenhang des bearbeiteten Bildformats mitmerken, während sie ihn bearbeiten. Doch dass auch Blindgeborene über diese Dimension der Mitteilung verfügen, beweisen die von Elke Zollitsch vorgelegten Kinderzeichnungen.
Naturvölker aller Zeiten haben der Abbildung stets magische Kräfte zugewiesen. Sie glaubten, der (schamanische) Zeichner von Jagdtieren würde durch seine Arbeit einen Bann auf die gezeichnete Kreatur legen und so eine erfolgreiche Jagd vorwegnehmen. Die magische Bannkraft dabei liegt im "Zauber" einer Nach- bzw. Neuschöpfung der Natur. Was würde näher liegen als die Annahme, dass auch der "Raub der Seele" in der Macht des Zeichners stünde? Welch ein Machtzuwachs also für den Urheber solcher Szenen! Und was für ein Zugewinn auch für Kinder, egal nun ob sehend oder blind, wenn sie in der Lage sind, äußere - so gut wie auch innere - Bilder, die sie beschäftigen, wiederzugeben! Nicht umsonst setzt ja auch die Kunsttherapie Bilder ein, Bilder, die die Klienten erstellen, um ihre konkrete Lebenssituation ebenso wie ihre inneren Ängste zu bewältigen = zu bannen. Die Wahrnehmung über das Sehen ist dazu offenbar nicht unbedingt notwendig.
Hinzu kommt, dass das Zeichnen eine Ausdrucksform darstellt, die durch keinen handwerklichen Übersetzungsprozess gebrochen ist. Wie Gesang oder Tanz - oder das Trommeln mit bloßen Händen - ist es eine Art Körpersprache. Es braucht nicht viel mehr als den Finger im Sand, um damit anzufangen und muss nicht von Grund auf gelernt werden. Es kann ausgebaut und perfektioniert werden - doch kann eine Zeichnung auch in größter Einfachheit vollkommen sein. Und es scheint ein Bedürfnis nach dieser Art Ausdruck zu geben, die aufsteigt aus der Tiefe unseres Körperbewusstseins. Warum sollte ein Blinder da anders empfinden?
Im Gegensatz zu Tanz oder Gesang hinterlässt allerdings die Zeichnung eine Spur. Es ist die sicht- bzw. tastbare Hinterlassenschaft ihres Urhebers, ganz ähnlich derjenigen der Steinzeitkünstler, die ihre Zeichnungen nicht nur mit farbigen Ockern auf den Felsen hinterließen, sondern auch mit spitzen Werkzeugen in dessen Oberfläche gruben. Das Ergebnis hält sich seit -zigtausend Jahren und wir können auf diese Weise noch heute die nonverbalen Mitteilungen unserer Vorfahren lesen - nicht mit dem Alphabeth - sondern mit den Emotionen, die diese Bilder in uns freisetzen.
Bei Betrachtung der Blindgeborenenzeichnungen aus Elke Zollitsch's Bildband wird
deutlich, dass auch Blinde über dieses Repertoire an Bildzeichen verfügen - und naturgemäß teilen sie mit den Sehenden das Bedürfnis nach Hinterlassenschaft. Die Menschen sind sich ihrer Endlichkeit bewusst - und nutzen Schrift und Bild, sich selbst zu überleben und zu wirken über ihren Tod hinaus.
"Jeder Mensch ist ein Künstler" hat Josef Beuys bekanntlich gesagt - und er meinte damit, dass jeder Mensch zum Künstler werden kann, der sich intensiv seiner Sache widmet - und Meister wird in der Handhabung all dessen, was seine Person zum Ausdruck bringen will. Dann aber ist auch jedes Kind egal ob sehend oder blind ein Künstler - jedenfalls solange ihm kein Erwachsener hineingeredet hat. - Das Künstlersein ist dem Menschen eigen in jeder Hinsicht. Die Künstler ihrerseits zeichnen, malen, schreiben oder musizieren ja grad' eben, weil sie Menschen sind...
Was aber die Zeichnungen Blindgeborener uns "Augenmenschen" zeigen können, ist der Teil am Menschsein - und am Künstlersein - der nicht gebunden ist an die Sehkraft. Und es stellt sich heraus, dass dieser Teil erstaunlich groß ist, und dass uns mehr mit den Blinden verbindet, als wir für möglich hielten. Im Gegenteil, es wird deutlich, dass jene blindgeborenen Kinder sehr viel genauer achten auf ihre Wahrnehmung einerseits und andererseits auf ihre Ausdrucksfähigkeit, als die meisten Sehenden. Sie sind ungebrochen in ihrer Innensicht der Dinge, sie sind nicht abgelenkt durch andere visuelle Reize oder klischeehafte Vorlagen und sie sind nicht kompromissbereit, wenn es um den Gehalt ihrer Aussage geht.
Wie viel wahrhafte Authentizität wird darin offenbar und wie viel harte Arbeit müssen wir sehende Künstler investieren, um diesen Grad an Ehrlichkeit zu erreichen!
Um so befremdlicher ist es, wenn von einem führenden Vertreter des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds zu hören ist: "...Es ist grundsätzlich wichtiger, dass die Kinder das Leben meistern können, dass sie die Punktschrift erlernen und sich im Alltag zurechtfinden."
Wie überall wird auch hier die Bedeutung der bildhaften = emotionalen gegenüber der verbalen = kognitiven Mitteilungsfähigkeit verkannt. Doch wer immer nur Information aufnehmen soll, und nicht Gelegenheit bekommt, über die bildhafte Ausdrucksfähigkeit auch nonverbale Inhalte abzugeben, bekommt den Kopf nicht mehr frei zum Weiterlernen. Und wenn wir es nicht schaffen, den Kindern ein Forum zu geben, wo sie sich ausdrücken können, - den Sehenden wie den Blinden -, dann bleibt alle Bemühung, sie in ihrer schulischen Entwicklung zu fördern, im Ansatz stecken.
Mit ihrem wundervollen Bildband über die Zeichnungen blindgeborener Kinder macht Elke Zollitsch klar, wie unverzichtbar der bildhafte Ausdruck für uns alle ist - und wie fruchtbar der gemeinsame Unterricht von Blindgeborenen und Sehenden sein kann. Das Buch sollte zur Pflichtlektüre werden für alle, die mit Kunst - und / oder mit Erziehung befasst sind!
* Folienzeichnungen: mit einem harten Stift wird auf einer speziellen Folie gezeichnet, die tastbare Spuren hinterlässt
Jedes Kind ist ein Künstler - auch wenn es blind geboren ist ...
-Erste Begegnung mit dem Thema
-Überraschende Parallelen zwischen den Zeichnungen blindgeborener und sehender Kinder:
-Das Zeichnen ist Welterschließung - für Sehende und Blinde
-Bildhafter Ausdruck ist nonverbale Verständigung auf emotionaler Ebene - für Sehende und Blinde
-Die Bannkraft bildhafter Darstellung gibt Hilfen zur Daseinsbewältigung - ¬für Sehende und Blinde
-Zeichnen ist eine Art Körpersprache und steigt auf aus den Tiefen des Körperbewusstseins Sehender und Blinder
-Die Zeichnung als Spur befriedigt das menschliche Bedürfnis nach Hinterlassenschaft - bei Sehenden und Blinden
-Jeder Mensch - / jedes Kind ist ein Künstler - ob sehend oder blind ... (nach einem Zitat von Josef Beuys)
-was die Zeichnungen der Blindgeborenen uns Sehenden zeigen können: wir haben mehr Gemeinsames als Trennendes und: die Blinden haben uns viel voraus, was ihre Authentizität betrifft...
-Elke Zollitsch führt uns buchstäblich vor Augen, dass bildhafter Ausdruck gleichbedeutend wichtig ist für alle Kinder - indem er einen Gegenpol schafft zum kognitiven Lernen
-Pflichtlektüre für alle, die mit Kunst - und / oder mit Erziehung befasst sind!
Wolfgang Drave
Blindenpädagoge, Autor und Herausgeber von Fachbüchern
bei edition bentheim der Blindeninstitutsstiftung
in der Zeitschrift BLIND UND SEHBEHINDERT, Jan. 2004
Elke Zollitsch: Ich weiss wo ich bin. Blind geborene Kinder zeichnen, wie sie die Welt erleben. SüdOst-Verlag, Waldkirchen 2003. 162 S. 29,90 €
Welch ein gewaltiges Buch! 30 x 30 cm, Hardcover, wunderschön gestaltet und unter 30 € Ladenpreis! Da packt den Kleinverleger schon der Neid. Und als solcher kann ich nur sagen: Hochachtung und Glückwunsch, ich hätte es auch gerne herausgegeben! Nun aber habe ich wenigstens ein Exemplar dieses "Bilderbuchs über das Malen blinder Kinder" in der Hand und darf darüber ein paar Zeilen schreiben. Eine "Rezension" hat die Autorin erbeten, und ich versuche sie in zwei Funktionen: als Blindenpädagoge und als Verlagsleiter (nicht des Verlages, in dem das Buch erschienen ist). Als Letzterer kann ich nur der Konkurrenz neidvoll gratulieren. Ihnen, der Autorin, dem Layouter und dem Drucker ist ein wundervolles Buch gelungen. Man nimmt es gerne und achtungsvoll in die Hand, schaut neugierig die interessanten, aufschlussreichen und spannenden Bilder an und streicht immer wieder - und dann enttäuscht - über diese, um die Bilder zu ertasten. Vergebens.
Als Blindenpädagoge ziehe ich meinen - nicht vorhandenen - Hut vor der Autorin, die mit übergroßer, spürbarer, greifbarer Liebe zu ihren blinden Schülerinnen und Schülern ihre Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung, Vorstellung und taktilen Umsetzung nicht sehender Kinder in Buchform, präsentiert.
Mit einem harten Stift, der auf einer speziellen Folie tastbare Spuren hinterlässt, zeichnet das blinde Kind inmitten der sehenden Kinder. In seinen spontanen Zeichnungen führt es uns Augenmenschen in seine von allen Sinnen erfasste, begriffene und erahnte Welt. Im Einklang mit den über 70 thematisch geordneten Zeichnungen stehen poetische Dreizeiler als persönliche Antwort der Autorin auf die kindlichen Bilderbotschaften. Im erklärenden Textteil wird der Leser mit einbezogen in die Kreativität und Freude beim Entstehen der ausdrucksstarken Bilder blinder Kinder.
Elke Zollitsch kenne ich seit langer Zeit als engagierte faszinierende Lehrerpersönlichkeit, die durch ihre Tätigkeit als Grundschullehrerin mit integrativ betreuten blinden Kindern mit der Blindenpädagogik vertraut wurde und sich seit dieser Zeit intensiv mit dem taktilen Zeichnen und Malen blinder Kinder beschäftigt.
Inwieweit Blindenpädagogen ihre durch dieses Buch uns näher gebrachten Anregungen aufnehmen können und sollen, ist jedem einzelnen Lehrer überlassen. Sicherlich werden nur wenige blinde Kinder diese Fähigkeiten haben, die wir in diesem Buch erkennen. Aber bei aller Skepsis bleibt doch der Eindruck, dass Frau Zollitsch mit "ihren" Kindern Einmaliges erreicht hat!
Oswald Miedl
Professor für Kunsterziehung an der Universität Passau
Rezension Anfang Dezember 2003
gekürzt in PNP (Passauer Neue Presse), Feuilleton vom 18.12.2003
Elke Zollitsch: Ich weiß wo ich bin
Blindgeborene Kinder zeichnen, wie sie die Welt erleben
SüdOst-Verlag Waldkirchen 2003
Der Untertitel des Buches wird wahrscheinlich Erstaunen oder Zweifel daran hervorrufen, ob die ästhetische Erlebnisweise von Blinden denn überhaupt zu visuell gestalteten Ergebnissen führen könne. Man weiß, dass Blinde über eine besonders verfeinerte Tastwahrnehmung (Greifen und Berührung) verfügen, - man denkt dabei an die Blindenschrift; - man weiß ferner, dass ihr Gehör besonders sensibel ist.
Tatsächlich ist es so, dass Blinde mit feinen Sinneswahrnehmungen des ganzen Körpers - also auch Bewegungs- und Raumlagesinn, Temperatursinn, Geruch und Geschmack ... einigermaßen ausgleichen müssen, was ihnen ohne Sehsinn im Alltag und in unserer so sehr optisch dominierten Kultur an Informationen und Erlebnissen verschlossen bleibt. - Es wäre naheliegend anzunehmen, dass Blinde zumindest plastisch zu gestalten befähigt sind, - aber zeichnen?
Der von Elke Zollitsch vorgelegte großformatige Bildband zeigt in beeindruckender Weise, was der Titel des Buches ankündigt. Die Autorin war viele Jahre "normale" Grundschullehrerin, bevor sie in einem Schulversuch zwei blinde Schülerinnen mit 22 sehenden Schülern in einer Integrationsklasse unterrichtete. Natürlich bedurfte es dazu auch des gründlichen Studiums entsprechender Voraussetzungen, wie etwa des Maschine-Schreibens in Blindenschrift ...; und v.a. einer einfühlsamen Hinwendung zu den spezifischen Bedingungen des Welt-Erlebens der Blinden. ¬Aufgrund der eigenen bildnerischen Begabung der Autorin und ermutigender Anregungen aus der Literatur wagte sie die blinden Kinder zeichnen zu lassen.
Die Einleitung des Buches erfolgt in Form eines "Briefes an Julia" - eines der "zeichnenden" Kinder - und bringt erste Aufklärung und Hinweise über das Verhältnis der Autorin zu den Kindern und das Entstehen der Zeichnungen.
Die technischen Voraussetzungen sind auf eine elastische Gummiunterlage gelegte Spezialfolien, auf denen dann mit Kugelschreiber Linien gezeichnet werden, die sich plastisch aufwölben und gut tastbar und sichtbar werden. - Die annähernd originalgroßen Reproduktionen geben auch die reliefhafte Qualität der Zeichnungen hervorragend wieder, bringen den Entstehungsprozess sinnlich nah und machen ihn nachvollziehbar.
Der auch buchgraphisch von Pavel Broz hervorragend gestaltete Band gruppiert die Abbildungen um "Zwölf Sternbilder" als "Urbildern des seelischen Erlebens". (Man könnte auch die hellen Punkte der Braille-Schrift vor dunklem Grund als solche auffassen) Es sind Motive, Themen des Welterlebens und der Realitätsbeziehung. Interessant und zunächst erstaunlich ist, dass die Zeichnungen der blinden Kinder gar nicht so sehr von jenen Sehender abweichen. Unterschiede im grafischen Duktus dürften zu einem Gutteil in der erhöhten Druckstärke beim Zeichnen auf der Plastikfolie begründet sein. Das Formrepertoire und die Raumlage-Beziehungen auf der Fläche sind jedoch im Wesentlichen identisch.
Wenn man bedenkt, dass für das blinde wie das sehende Kind oben - unten, links - rechts, waagrecht - senkrecht, körperhaft - flächig, eckig - rund, um nur einige wichtige räumliche und formale Kategorien zu nennen, in verwandter wenn nicht gleicher Weise vorhanden sind und die Präsentanz des Raumes in der Vorstellung beim Blinden ungemein intensiv sein muss, so verwundert dies nicht. - Weiß man zudem, dass auch sehende Kinder bis gegen Ende der Grundschulzeit ganzheitliche Sinneserfahrungen und -erlebnisse neben Wissen in ihre Zeichnungen einbringen (z.B. des Tastens und Bewegens, von Hitze und Kälte, der Schwerkraft ...), so sind die Ähnlichkeiten eigentlich selbstverständlich. Erst ab dem 9. 11. Lebensjahr beginnt bei Sehenden eine einseitige Orientierung an der visuell wahrnehmbaren Realität. Und das sind eben Möglichkeiten, die dem blinden Kind versagt sind. Aber bis dahin gibt es formale Übereinstimmungen wie das Vermeiden von Überschneidungen, große Richtungskontraste, das Aufrichten von Gegenständen an Bodenlinien, die Gestaltung von Innen-Außen-Beziehungen durch Konturlinien, "Tastlinien", die die Außenkontur vervielfachen u.a.m.
Den jeweils rechts vor violettem Grund gezeigten Bildern werden links auf Weiß kurze Texte der Autorin beigesellt, die sich sprachformal am japanischen Kurzgedicht der "Haiku" orientieren. Sie sind weniger stimmungshaft, bringen vielmehr das Dargestellte in kreativer Weise auf den Punkt, als eine Art Quintessenz. Dadurch erhält das Buch durchaus einen Hauch des Poetisch-Schwebenden.
In den anschließenden "Texten zu den Bildern" werden sachlichere Töne angeschlagen, in sehr einfühlsamer und lebendiger Sprache Entstehungsbedingungen und Erläuterungen zu den Zeichnungen geboten.
Das Kapitel "Lernen mit blinden, Kindern" stellt das Thema des Buches noch einmal in einen größeren Zusammenhang.
Man verlässt das Buch tief berührt, geradezu mit dem Bedürfnis, mehr über das Zeichnen und - allgemeiner - über das Leben und Erleben der Blinden zu erfahren. Das Buch macht unter anderem bewusst, wie sehr wir Sehende unser Sinnesleben fast eindimensional nur auf optische Informationen beschränken. Hier wird das Wunder und der Reichtum des Erlebens mit all unseren Sinnen aufgezeigt. So können wir Sehende von den Blinden lernen. Dieses besondere Buch von Elke Zollitsch wendet sich an alle, die an Erziehung, an Kunst und an bewusster Welterfahrung interessiert sind.
Dr. Emmy Csocsán
Professorin am Lehrstuhl für Pädagogik bei Blindheit und Sehbehinderung
der Universität Dortmund
Buchbesprechung vom 14.05.2003
Gedanken zum Buch „ICH WEISS WO ICH BIN – Blindgeborene Kinder zeichnen, wie sie die Welt erleben“ von Elke Zollitsch
Das Buch von Elke Zollitsch ist für den Betrachter eine schöne Ermunterung für die Seele in mehrerer Hinsicht. Es ist eine einzigartige Sammlung von Zeichnungen blinder Kinder. Die Leserin / der Leser „sieht“ die Linien, die auf den Kunststoff Folien gekritzelt, gedrückt und gestaltet sind, „dreidimensional“. Die Fotos sind so schön und vollkommen, dass sie die Textur der tastbaren Bilder wiedergeben können. Auch ist es möglich, die schwungvolle Bewegung des Zeichners unter den Fingern zu spüren.
Elke Zollitsch hat die Begabung, ihre Gedanken und Sichtweise in schöne Worte zu bringen. Sie schreibt ihre „ars poetica“ zu den einzelnen Bildern in Haiku-Form. Wunderbare Idee passend zu den Themen. Die „Dreizeiler“ sind es wert, gelesen zu werden, darüber nachzudenken und sie tief in die Seele gehen zu lassen.
Elke Zollitsch zeigt nicht nur die Bilder, sie erklärt dabei auch die Situation, wie die Bilder entstanden sind. Der Leser bekommt die Atmosphäre eines schulischen Zusammenseins vermittelt, bei dem die gemeinsamen Erlebnisse in einer kreativen Form ein Mittel für die Weltausschauung sein können.
Sie interpretiert die Bilder nicht, versucht jedoch dem „Entstehungsprozess“ zu folgen und so die Verbindung zwischen den Erlebnissen und dem Produkt zu finden.
Elke Zollitsch ist eine künstlerisch begabte Lehrerin. Sie erkennt das Wesentliche in ihren Schülerinnen und Schülern mit ihrer Seele.
Sie unterrichtet instinktiv gut und analysiert den Endeffekt tiefgehend auf ihre individuelle Art.
In ihrer Klasse ist jedes Kind ein Individuum, dem es erlaubt ist, „anders zu sein“. Alle fühlen sich in jeder Situation gefördert und miteinander aufgehoben.
Die Lehrerin Elke Zollitsch spürt das methodische Ideal in der klassischen Sehgeschädigtenpädagogik, „Menschenbildung mit allen Sinnen“, bleibt jedoch frei von Klischees.
Sie erlebt jede Minute des Zusammenseins und der Kommunikation mit ihren Schülerinnen und Schülern wie ein Wunder! Das Buch zeigt wie blinde Kinder zeichnen und E. Zollitsch vermittelt uns, wie sie selbst diese Kinder erlebt.
Das Buch zeigt in einer sehr schönen Weise, dass das gemeinsame Lernen mit 'Tastkindern' und 'Augenkindern' in einer motivierenden Lernumgebung, in der alle individuellen Unterschiede und deren Ausleben als selbstverständlich empfunden werden, Freude macht.
Dieses facettenreiche Bilderbuch ist gleichzeitig spannend und faszinierend.
